Longshan-Tempel
Blick aus dem Wohnheim auf Taipeis Markenzeichen, den 101 (ehemals höchstes Gebäude der Welt)
Ausflug nach Danshui
Wir schreiben das Jahr 98. Laut meines taiwanesischen Studentenausweises habe ich am 18.12.74 Geburtstag. Das ist nicht das einzige, über das man sich hier wundern kann. Schon allein die Frage, wo ich jetzt genau bin, kann für einigen Diskussionsstoff sorgen: in einer Provinz der Volksrepublik China, in der Republik China oder einfach auf Taiwan? Egal, wie man den Ort, an dem ich mich gerade befinde nun genau bezeichnet und ob ich nun 1985 oder 74 geboren bin: ich fühle mich hier wohl. Seit fast zwei Monaten tiger ich durch Taiwans Hauptstadt Taipei und freue mich über alles, was es hier so zu entdecken und kennenzulernen gibt, insbesondere gutes Essen, interessante Menschen und kleine Kuriositäten, die einem vor allem in den ersten paar Wochen auffallen. Zum Beispiel, wie niedlich hier vieles ist. Von den Hinweisschildern, die mit Herzchen versehen sind, bis zu den Saftverkäuferinnen, die mindestens so zuckersüß säuseln wie die Getränke schmecken, die sie verkaufen. So wird auch meine Welt immer glitzernder: meine Zimmereinrichtung rosa, mein Musikgeschmack verschiebt sich mehr und mehr Richtung kitschiger Popmusik und diese taiwanesischen Seifenopern mögen vor Schnulz nur so triefen, sie sind trotzdem einfach sooo gut ;)
Hat man seine erste Chinaerfahrung auf dem Festland gemacht, ist Taipei auffällig sauber und hygienisch. Überall findet man Spender mit Desinfektionsspray und für damit es auch wirklich jeder kapiert, liebevoll formulierte, bebilderte Anleitungen zum Händewaschen, die auch uns Auslandsstudenten an unserem Willkommenstag ausgeteilt wurden. Zusammen mit genauen Anweisungen, was wir zu tun haben, sobald unsere Nase anfängt zu laufen oder sich unser Hals zu trocken anfühlt: Atemmaske tragen. Das machen hier tatsächlich auch sehr viele. Denn die Schweinegrippe könnte ja überall lauern. Auch im Taipeier Nachtleben: bevor man einen Club betreten darf, bekommt man erstmal die Temperatur gemessen. Wer zu heiß ist, muss draußen bleiben. Als Frau wiederum kann man bisweilen aber gar nicht heiß genug sein: in manchen Clubs hat man freien Eintritt inklusive All-You-Can-Drink, wenn das Höschen einem Gürtel gleicht und die Absätze den Hintern angemessen strecken. Da bei den günstigen Eintrittspreisen viele Frauen lieber zahlen und man hier irgendwie meint, das Publikum nicht durch die Musik bei Laune halten zu können, gibt es ab 12 Uhr dann meistens ein „Animationsprogramm“. Dieses besteht in der Regel aus einer Art Aerobicperformance leicht bekleideter Damen, welche mit präzise choreographierten Hüftschwüngen die tanzende Meute beflügeln sollen. Diese ist dann manchmal jedoch so betört, dass sie das Tanzen ganz vergisst. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb kann man hier abends jede Menge Spaß haben.
Tagsüber natürlich auch. Beispielsweise bei einem Ausflug in den Norden der Stadt, nach Danshui. Zusammen mit anderen Austauschstundenten aus meinem Wohnheim radelten wir mit vereinten Kräften durch die Pampa, als wir auf ein Kaninchencafé stießen. Die Besucher des Cafés hatten alle ihre Kaninchen dabei, die sie an der Leine führten. Hunde gibt es hier auch, wenn auch nicht im Kochtopf (!). Sie sind oft kaninchenhaft klein und werden gerne von ihrem Herrchen und Frauchen mit dem Fahrrad spazieren gefahren. Das scheinen sie genau so zu genießen wie ich jeden Morgen um halb Sieben die Gettoblastermusik der Senioren, die ich beim Joggen am Flussufer treffe. In Deutschland ist man genervt von den pubertierenden Kindern, die ihre Handylautsprecher voll aufdrehen; hier ist es die Rentnergeneration, die einen an ihrer Lebensfreude teilnehmen lässt. Im Morgengrauen, wenn noch kein grauer Smogfilm über dem Blick auf die grünen Berge am Stadtrand liegt, musizieren sie, machen ihre Gymnastikübungen, üben Standardtänze und grüßen mich mit einem strahlenden „Good morning!“ Immer wieder einer der besten Momente meines Tages.
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