Die Morgensonne brannte auf meiner Haut. Plötzlich wurde ich aus meinem Schlaf gerissen und sprang irritiert vom rauen Asphaltboden auf. Es musste ungefähr halb acht Uhr morgens sein, und ich befand mich in einem Industriegebiet umgeben von verschrotteten Fahrrädern und ca. 300 Taiwanesen. Die Reihe, in der wir anstanden, setzte sich nun ruckartig in Bewegung. Da dämmerte es mir: ich war um 3:30 Uhr morgens aufgestanden, um mich bei einem Secondhand-Fahrradverlauf der Uni anzustellen. Der allerdings erst um 8 Uhr beginnen sollte. Fürsorglich hatte uns das Auslandsamt der National Taiwan University darauf hingewiesen, dass 130 gebrauchte Fahrräder für umgerechnet 10 Euro das Stück zum Verkauf stünden. Wer eins haben wolle, müsse früh aufstehen. Und ich wollte eins :) Wie ich dann jedoch schnell feststellte, war ich nicht um 3:30 Uhr aufgestanden, um ein Fahrrad zu kaufen, sondern erstmal, um eine Nummer zu ziehen. Genauer gesagt, die Nummer 134 mit dem freundlichen Vermerk des Verkäufers, dass es nicht sicher sei, ob das mit dem Fahrrad überhaupt klappen würde. Ich schaute in die Augen der anderen Mitwartenden ab Nummer 135 aufwärts und wusste, dass wir das gleiche dachten: wir sind alle ein bisschen verrückt. Aber wollen alle ein gebrauchtes Fahrrad. Und so stand ich vor der Fahrradhalle, zitternd vor Aufregung, belämmert von der Müdigkeit als meine Nummer tatsächlich aufgerufen wurde. Ich stürzte in die Halle und da stand es: mein „Miami Miss Rocky Bike“, in violetten Rostfarben, umrankt von vertrockneten Lianen, welche die verwegene Vergangenheit meines neuen Babys nur erahnen ließen. Es war das allerletzte Rad. In jeder Hinsicht. Ich fuhr eine Runde und wusste, dass ich es lieben würde. Eine Liebe, die Kompromisse fordern würde. „Mei banfa (沒辦法)!“, meinte der Herr von der Reparatur nur, als er vergebens versucht hatte, die Höhe des völlig eingerosteten Sattels zu verstellen. So würde ich Miami Miss zwar auch als Tretroller benutzen können, das Tragen eines Minirocks beim Fahren aber definitiv die Erregung öffentlichen Ärgernisses mit sich ziehen. Eine Klingel ist auch überflüssig: das Vorderrad knattert trotz frischem Öl so laut, dass ich schon von weitem angekündigt werde. Ganz zu schweigen von dem ohrenbetäubenden Quietschen der Bremsen.
Miami Miss lebt zur Zeit noch etwas gefährlich in Taipei: permanent dem Risiko ausgesetzt, abgeschleppt zu werden und auf dem sogenannten „Fahrradfriedhof“ zu landen, weil seine Fahrerin das hochkomplexe Parksystem des Unicampus noch nicht verstanden hat. Oder angefahren zu werden, weil der Verkehr hier eher nach dem Prinzip des Yin und Yang zu funktionieren scheint, als nach braven deutschen Verkehrsregeln. Aber das wird. Aber was geht in Taiwan eigentlich sonst so, außer dass eine beglückte Moni durch die Gegend radelt? Mehr dazu demnächst ;)
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