Donnerstag, 29. April 2010

„Willst du meine Freundin werden?“ oder Leben und Lieben auf Taiwan (1)





Da stand er vor mir in der Badezimmertür, nass durchschwitzt und außer Atem: der Freund meiner Mitbewohnerin, mit der ich mir hier ein Zimmer teile. „Was tust du da?“, fragte ich und blickte irritiert auf den Lappen und das Putzmittel in seiner Hand. Er hatte offensichtlich unser Bad geputzt. Überrascht bedankte ich mich bei ihm und erkundigte mich später begeistert bei meiner Mitbewohnerin, wie ich ihm denn eine kleine Freude bereiten könne. Bier, Süßigkeiten…? Das sei nicht nötig, er trinke kein Bier, esse keine Süßigkeiten und mache sehr gerne Hausarbeit. Ich traute meine Ohren und Augen nicht, aber die nächsten Wochen stellte der gute Junge seine Putzleidenschaft immer wieder unter Beweis, indem er im Zimmerbereich meiner Mitbewohnerin auf dem Boden herumkroch und schrubbte, während diese entspannt im Bett ein Buch las. Mein Interesse an taiwanischen Pärchenverhalten war entfacht. Mit Befremden hatte ich beim Schlendern durch die Straßen festgestellt, wie auffällig viele Männer hier Frauenhandtaschen um die Schultern tragen. Es dauerte einige Zeit bis ich herausgefunden hatte, dass es sich dabei nicht um eine bedenklich seltsame Modeerscheinung handelt, sondern dass meist die Freundin stolz erhobenen Hauptes dem jungen Herren voranschritt. „Ich rufe mal meinen Sklaven an und sage ihm, er soll mir Tee mitbringen“, meinte eine taiwanische Freundin von mir grinsend über ihren Freund und als ich meinen Tandempartner Peter auf dieses Thema ansprach, bestätigte er meinen Verdacht: „Ja, Moni, wir taiwanischen Männer sind die Sklaven unserer Frauen“. Und taiwanische Frauen seien anspruchsvoll, erklärte er seine leicht pathetische Aussage: nicht nur gut aussehen müsse der Freund, akademischer Grad und finanzieller Hintergrund sowie Besitz eines Autos seien ebenfalls von tragender Bedeutung bei der Partnerwahl. Ist es dann mal soweit, wird eine Rundumbetreuung gefordert: morgendliche Anrufe, damit das Aufstehen nicht vergessen wird (ich hatte mich anfangs noch gewundert, wer meine Mitbewohnerin morgens um acht Uhr fünfmal hintereinander anruft), Begleitung zum Essen, das selbstverständlich der Mann zahlt, Handtaschentragen, Kinobesuche, Hinbringen und Abholen mit dem Auto etc. Händchenhalten sei nur in Ausnahmefällen drin, allgemein seien taiwanische Frauen eher distanziert. Welchen Nutzen denn dann der Mann von einer solchen Beziehung habe, wollte ich von Peter wissen. „Es verleiht uns ein Gefühl von Männlichkeit, eine Frau umsorgen zu dürfen!“ meinte dieser und als ich ihn nur leicht belustigt und ungläubig anschaute fügte er hinzu: „Weißt du, Moni, 3000 Jahre in der chinesischen Geschichte hat die Frau alles für den Mann getan. Vielleicht ist es nun einfach an der Zeit, dass wir etwas für die Frauen tun.“ Mein feministisches Herz schmolz dahin, vor meinem geistigen Auge sah ich Alice Schwarzer in gerührte Freudentränen ausbrechen, mein Interesse an taiwanischen Männern wuchs. So sagte ich spontan zu, als mich meine taiwanische Freundin Lesley fragte, ob ich denn nicht mit auf ein Jazzfestival nach Taizhong kommen wolle. Einer aus der Jazzgruppe der Uni hatte sie gefragt und sie wäre sonst die einzige Frau mit acht Jungs auf einem Zimmer. Im etwas konservativen Taiwan, wo man bis zum Abitur getrennte Mädchen- und Jungenschulen besucht, eine doch etwas anrüchige Situation. So schauten mich dann acht neugierige Anfang 20-Jährige bei der allgemeinen Vorstellungsrunde im McDonalds an, als mich der Leiter der Jazzgruppe locker lässig vor versammelter Runde gefragt hatte, ob ich denn einen Freund habe. Da ich Taiwaner bis dahin immer als allgemein sehr höflich und indirekt erlebt hatte, hielt ich eine derartig intime Frage in einem solch öffentlichen Umfeld für einen Scherz und setzte mich wieder. Doch das erwartungsvolle Schweigen signalisierte mir, dass die Frage ernst gemeint war und so verneinte ich leicht errötend. Keinen Freund hier auf Taiwan oder keinen in Deutschland? Ähm, allgemein keinen, antwortete ich verwirrt. Ob ich ihnen denn Deutsch beibringen könne. Natürlich war ich dazu gerne bereit. Was denn „Willst du mein Freundin werden?“ auf Deutsch heiße. Noch verwirrter wies ich sie darauf hin, dass ich ihnen das gerne beibringen könnte, sie mit dieser Frage aber höchstwahrscheinlich nur in der Grundschule Erfolg hätten. Etwas enttäuscht begnügten sie sich dann damit, den Satz „Ich mag dich“ zu büffeln. Lesley erklärte mir anschließend, dass das Fragen selbstverständlich sei. Man habe eine „aimei"-Phase (曖昧)von etwa zwei bis acht Wochen, in der man gegenseitiges Interesse bekundet bzw. der Mann die Frau umwirbt (zhui追) bis er Zeit und Ort als geeignet betrachtet, um seine Verehrte zu fragen, ob sie bereit sei, seine Freundin zu werden. Danach käme es dann möglicherweise zum ersten Körperkontakt in Form von Händchenhalten oder Küssen. Aha. Nicht so wie im Westen, wo man gleich am ersten Abend Sex habe, meinte Lesley. Nicht unbedingt! protestierte ich und wurde damit für ohnehin schon halb taiwanisch erklärt. „Sex and the City“ hat hier in mancher Hinsicht ganze Arbeit geleistet…
Jedenfalls war der Ausflug durchaus erfolgreich, denn Lesley hat jetzt einen Freund, der sie sehr glücklich macht. Sind meine Freundinnen glücklich, bin ich es auch :) Meine Neugierde war damit aber noch nicht gestillt und so beobachtete ich fleißig weiter…

Freitag, 23. April 2010

Das Wandern ist des Moni Müller-Karpes Lust

Es ist NICHT die Schweiz. Aber mindestens genauso schön!



Wolkenmeer bei Sonnenaufgang



Auf dem Gipfel des Hehuanshan angekommen





Taroko-Schlucht



Das Meer




„Armer Papa!“ dachte ich, als ich mit dröhnendem Kopf und rasendem Herzen auf dem 3422 Meter hohen Gipfel des Hehuanshan ankam. So musste er sich also gefühlt haben, als er in Lhasa den Potala erklommen hatte. Mit meinen gefrorenen Fingern versuchte ich etwas Nüsse aus der Tüte zu frimeln, um mich für das Lächeln auf dem anstehenden Gruppenfoto zu stärken.
Neugierde, Spontanität und etwas blauäugige Abenteuerlust hatten mich dazu verleitet, mit einer Gruppe taiwanesischer Physikstudenten sowie dem wanderlustigen Tobi und Kati (die beide auch Sinologie studieren und mit denen ich zusammen den Sprachkurs an der Uni besuche) eine Wandertour ins Zentralgebirge Taiwans zu machen. Trotz fürsorglicher Vorbereitung unserer taiwanischen Freunde war uns nicht ganz klar, worauf wir uns da einließen, als wir für drei Tage Bergsteigen zusagten. Bereits bei unserer Hinfahrt blickte ich in einen Abgrund nach dem nächsten und mir wurde unmittelbar klar, dass dies genau der richtige Zeitpunkt sein würde um festzustellen, dass ich keine Höhenangst mehr habe. Glücklich über diese Erkenntnis versuchte ich (erfolgreich) mein Mittagessen in mir zu behalten als wir durch die scharfen Kurven der Serpentinen gurkten. Fröhlich singend kamen wir schließlich auf ca. 3000 Meter Höhe an, um den ersten Gipfel zu besteigen. Schon beim Aussteigen überkam mich dieses seltsame Gefühl einer lustigen Leichtigkeit, die ich schon mal gespürt hatte, als ich mich damals auf den Gipfel den Emeishans in Westchina hatte hochfahren (!) lassen. Nun lag ein dreistündiger Fußmarsch vor uns und ich merkte bei jedem Schritt aufwärts, wie mir die Höhe zu schaffen machte. Doch die Aussicht und das gute Wetter entschädigte für alles: klare Sicht auf eine malerisch schöne Landschaft! Glücklich und stolz, den ersten Tag überstanden zu haben, bauten wir bei eisiger Kälte unser Nachlager auf einem Parkplatz auf. Während ich mit kurzfristiger Übelkeit kämpfte und sich einer unserer Mitstreiter hinterm Zelt übergab, bewunderte ich unsere Anführerin Xiaolu: sie hatte nicht nur uns verplante Ausländer und die lustigen Jungs im Griff, sie entpuppte sich auch als eine fantastische Köchin. Aber gutes Essen ist hier auf Taiwan ist nun einmal wichtig und deswegen wird gekocht, egal ob einem die Nase dabei gefriert oder es in Strömen schüttet. Letzteres trat erst am nächsten Abend ein und so genossen wir mit vollem Magen den atemberaubend schönsten Sternenhimmel, den wir je in unserem Leben gesehen hatten. Nach einer geruhsamen Nacht ging es am nächsten Morgen um 3 Uhr weiter auf einen Gipfel, um von dort aus den Sonnenaufgang zu erleben. Japsend mit meinem Backpack auf dem Rücken fragte ich mich zum wiederholten Mal, wem ich mit dieser Wandertortur eigentlich etwas beweisen wollte. Und wieder entlohnte die Aussicht für den Schweiß, der mir den Nacken hinunter rann und das Zittern meiner Muskeln. Die Sonne ging auf und strahlte orangefarben auf ein Meer von Wolken. Ein Bild und ein Moment, der eigentlich viel zu schön war, um wahr zu sein. Ich genoss den Ausblick und atmete tief ein und aus, etwas, für das ich beim Hochkraxeln nur bedingt Zeit fand. Schnell ging es auch schon weiter auf den Gipfel. Wieder Augenblicke des Verzweifelns, wieder das Gefühl von Stolz und Erfüllung, als wir schließlich oben ankamen. Doch Katis und mein Ehrgeiz waren an diesem Punkt erschöpft. Wir entschieden uns, nicht mit unserer Gruppe weiterzuwandern, sondern zu unserem Fahrer zurück zu laufen. Alleine waren wir auf unserem Rückweg trotzdem nicht. Typisch für viele Taiwaner ist ihr allgemein außergewöhnlich freundliches, höfliches Interesse an Ausländern und so kraxelten wir fröhlich smalltalkend über Gott und die Welt mit einem Herren mittleren Alters den Berg wieder hinunter und grüßten dabei alles und jeden, der uns begegnete. Unten angekommen wurden wir von unserem Fahrer bekocht und genossen den Rest des Tages liegend in der Sonne. Abends trafen wir unsere Mitstreiter wieder; weil es regnete bauten wir unsere Zelte in einer Tankstelle auf. Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus durch die Tarokoschlucht, eine der Attraktionen Taiwans. Sie entstand durch einen Fluß, der sich durch das mehrere hundert Meter hohe, bewaldete Gebirge schlängelt, in das eine Straße geschlagen wurde. Das Abenteuerpotential dieses Ausfluges deutete sich immer wieder durch Baustellen an, welche permanent die Schäden von Taifun und Erdbeben beseitigen. Trotzdem natürlich wieder alles atemberaubend schön!
Bei Dunkelheit kamen wir abends wieder in Taipeh an. Das Flimmern der Leuchtreklame blendete meine Augen, der zarte Duft der Autoabgase wehte mir um die Nase und so schön es auch gewesen war in der Wildnis, ich sah mich in meinem Leben als Stadtmensch vollkommen bestätigt ;)