Sonntag, 8. November 2009

Immer schön optimistisch bleiben ;)



Neben der Wettervorschau und Business-Englisch, gibt es in der hiesigen Tageszeitung "Taipei Times" auch immer eine Empfehlung, wofür sich der Tag laut Mondkalender besonders gut oder weniger gut eignet (Haareschneiden, Heiraten etc.). Und da gibt es eben auch Tage, an denen man mal lieber nix machen sollte.

Montag, 2. November 2009

Unterwegs im Wunderland



Longshan-Tempel


Blick aus dem Wohnheim auf Taipeis Markenzeichen, den 101 (ehemals höchstes Gebäude der Welt)


Ausflug nach Danshui



Wir schreiben das Jahr 98. Laut meines taiwanesischen Studentenausweises habe ich am 18.12.74 Geburtstag. Das ist nicht das einzige, über das man sich hier wundern kann. Schon allein die Frage, wo ich jetzt genau bin, kann für einigen Diskussionsstoff sorgen: in einer Provinz der Volksrepublik China, in der Republik China oder einfach auf Taiwan? Egal, wie man den Ort, an dem ich mich gerade befinde nun genau bezeichnet und ob ich nun 1985 oder 74 geboren bin: ich fühle mich hier wohl. Seit fast zwei Monaten tiger ich durch Taiwans Hauptstadt Taipei und freue mich über alles, was es hier so zu entdecken und kennenzulernen gibt, insbesondere gutes Essen, interessante Menschen und kleine Kuriositäten, die einem vor allem in den ersten paar Wochen auffallen. Zum Beispiel, wie niedlich hier vieles ist. Von den Hinweisschildern, die mit Herzchen versehen sind, bis zu den Saftverkäuferinnen, die mindestens so zuckersüß säuseln wie die Getränke schmecken, die sie verkaufen. So wird auch meine Welt immer glitzernder: meine Zimmereinrichtung rosa, mein Musikgeschmack verschiebt sich mehr und mehr Richtung kitschiger Popmusik und diese taiwanesischen Seifenopern mögen vor Schnulz nur so triefen, sie sind trotzdem einfach sooo gut ;)
Hat man seine erste Chinaerfahrung auf dem Festland gemacht, ist Taipei auffällig sauber und hygienisch. Überall findet man Spender mit Desinfektionsspray und für damit es auch wirklich jeder kapiert, liebevoll formulierte, bebilderte Anleitungen zum Händewaschen, die auch uns Auslandsstudenten an unserem Willkommenstag ausgeteilt wurden. Zusammen mit genauen Anweisungen, was wir zu tun haben, sobald unsere Nase anfängt zu laufen oder sich unser Hals zu trocken anfühlt: Atemmaske tragen. Das machen hier tatsächlich auch sehr viele. Denn die Schweinegrippe könnte ja überall lauern. Auch im Taipeier Nachtleben: bevor man einen Club betreten darf, bekommt man erstmal die Temperatur gemessen. Wer zu heiß ist, muss draußen bleiben. Als Frau wiederum kann man bisweilen aber gar nicht heiß genug sein: in manchen Clubs hat man freien Eintritt inklusive All-You-Can-Drink, wenn das Höschen einem Gürtel gleicht und die Absätze den Hintern angemessen strecken. Da bei den günstigen Eintrittspreisen viele Frauen lieber zahlen und man hier irgendwie meint, das Publikum nicht durch die Musik bei Laune halten zu können, gibt es ab 12 Uhr dann meistens ein „Animationsprogramm“. Dieses besteht in der Regel aus einer Art Aerobicperformance leicht bekleideter Damen, welche mit präzise choreographierten Hüftschwüngen die tanzende Meute beflügeln sollen. Diese ist dann manchmal jedoch so betört, dass sie das Tanzen ganz vergisst. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb kann man hier abends jede Menge Spaß haben.
Tagsüber natürlich auch. Beispielsweise bei einem Ausflug in den Norden der Stadt, nach Danshui. Zusammen mit anderen Austauschstundenten aus meinem Wohnheim radelten wir mit vereinten Kräften durch die Pampa, als wir auf ein Kaninchencafé stießen. Die Besucher des Cafés hatten alle ihre Kaninchen dabei, die sie an der Leine führten. Hunde gibt es hier auch, wenn auch nicht im Kochtopf (!). Sie sind oft kaninchenhaft klein und werden gerne von ihrem Herrchen und Frauchen mit dem Fahrrad spazieren gefahren. Das scheinen sie genau so zu genießen wie ich jeden Morgen um halb Sieben die Gettoblastermusik der Senioren, die ich beim Joggen am Flussufer treffe. In Deutschland ist man genervt von den pubertierenden Kindern, die ihre Handylautsprecher voll aufdrehen; hier ist es die Rentnergeneration, die einen an ihrer Lebensfreude teilnehmen lässt. Im Morgengrauen, wenn noch kein grauer Smogfilm über dem Blick auf die grünen Berge am Stadtrand liegt, musizieren sie, machen ihre Gymnastikübungen, üben Standardtänze und grüßen mich mit einem strahlenden „Good morning!“ Immer wieder einer der besten Momente meines Tages.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Mein taiwanesisches Fahrrad und ich – eine Liebesgeschichte



Die Morgensonne brannte auf meiner Haut. Plötzlich wurde ich aus meinem Schlaf gerissen und sprang irritiert vom rauen Asphaltboden auf. Es musste ungefähr halb acht Uhr morgens sein, und ich befand mich in einem Industriegebiet umgeben von verschrotteten Fahrrädern und ca. 300 Taiwanesen. Die Reihe, in der wir anstanden, setzte sich nun ruckartig in Bewegung. Da dämmerte es mir: ich war um 3:30 Uhr morgens aufgestanden, um mich bei einem Secondhand-Fahrradverlauf der Uni anzustellen. Der allerdings erst um 8 Uhr beginnen sollte. Fürsorglich hatte uns das Auslandsamt der National Taiwan University darauf hingewiesen, dass 130 gebrauchte Fahrräder für umgerechnet 10 Euro das Stück zum Verkauf stünden. Wer eins haben wolle, müsse früh aufstehen. Und ich wollte eins :) Wie ich dann jedoch schnell feststellte, war ich nicht um 3:30 Uhr aufgestanden, um ein Fahrrad zu kaufen, sondern erstmal, um eine Nummer zu ziehen. Genauer gesagt, die Nummer 134 mit dem freundlichen Vermerk des Verkäufers, dass es nicht sicher sei, ob das mit dem Fahrrad überhaupt klappen würde. Ich schaute in die Augen der anderen Mitwartenden ab Nummer 135 aufwärts und wusste, dass wir das gleiche dachten: wir sind alle ein bisschen verrückt. Aber wollen alle ein gebrauchtes Fahrrad. Und so stand ich vor der Fahrradhalle, zitternd vor Aufregung, belämmert von der Müdigkeit als meine Nummer tatsächlich aufgerufen wurde. Ich stürzte in die Halle und da stand es: mein „Miami Miss Rocky Bike“, in violetten Rostfarben, umrankt von vertrockneten Lianen, welche die verwegene Vergangenheit meines neuen Babys nur erahnen ließen. Es war das allerletzte Rad. In jeder Hinsicht. Ich fuhr eine Runde und wusste, dass ich es lieben würde. Eine Liebe, die Kompromisse fordern würde. „Mei banfa (沒辦法)!“, meinte der Herr von der Reparatur nur, als er vergebens versucht hatte, die Höhe des völlig eingerosteten Sattels zu verstellen. So würde ich Miami Miss zwar auch als Tretroller benutzen können, das Tragen eines Minirocks beim Fahren aber definitiv die Erregung öffentlichen Ärgernisses mit sich ziehen. Eine Klingel ist auch überflüssig: das Vorderrad knattert trotz frischem Öl so laut, dass ich schon von weitem angekündigt werde. Ganz zu schweigen von dem ohrenbetäubenden Quietschen der Bremsen.
Miami Miss lebt zur Zeit noch etwas gefährlich in Taipei: permanent dem Risiko ausgesetzt, abgeschleppt zu werden und auf dem sogenannten „Fahrradfriedhof“ zu landen, weil seine Fahrerin das hochkomplexe Parksystem des Unicampus noch nicht verstanden hat. Oder angefahren zu werden, weil der Verkehr hier eher nach dem Prinzip des Yin und Yang zu funktionieren scheint, als nach braven deutschen Verkehrsregeln. Aber das wird. Aber was geht in Taiwan eigentlich sonst so, außer dass eine beglückte Moni durch die Gegend radelt? Mehr dazu demnächst ;)

Dienstag, 15. September 2009

Hong Kong - 我就喜歡!






Und da war alles wieder: die blinkendbunte Leuchtreklame, die Massen von Menschen, die sich durch die Schluchten der Hochhäusern schieben, der Milchtee, der Koriander auf dem Boden der Nudelsuppe, den man mit seinen Stäbchen zusammenkratzt, um auch den letzten Hauch von Geschmack zu genießen. Das Wasser der tropfenden Klimaanlagen im Nacken. Die Kokuswaffeln am Straßenrand. Und vor allem: dieses Gefühl, wieder zurück zu sein. Zurück in Hong Kong. Zurück in Asien :)
Bereits bei meinem ersten Besuch in Hong Kong vor zwei Jahren hat mir diese Stadt den Atem geraubt: kosmopolitsch, grell, schnell und trotzdem voller grüner Natur, für die ich nach meinen drei Monaten in Shanghai so sensibilisiert war. Die perfekte Mischung aus britischer Organisation und Höflichkeit auf Hong Kong Island und quirlig chinesischem Gewusel in Kowloon. Hip, stylisch, leicht arrogant mit einem charmanten Augenzwinkern. Doch diesmal war es anders: anstatt von einem Tempel zum nächsten Espritoutlet zu hechten, konnte ich entspannt durch die Straßen schlendern, die milde Schwüle (nach Dubai konnte Max und mich wettertechnisch nix mehr schocken) genießen und dem wunderschönen Klang des Kantonesischen lauschen. Immer wieder kleine Erfolgserlebnisse, wenn die damals noch so fremdartigen Schriftzeichen plötzlich Sinn ergeben. Gleichzeitig ein schleichendes Gefühl von Frustration, weil man noch viel zu wenige kann.
Zusammen mit Esther, Johann und Wiebke wohnten Max, Carmen und ich in einem netten, kleinen Hostel downtown, mitten im schrillen Nachtleben in Kowloon. Unsere kleine Exkursionsgruppe des Heidelberger Propädeutikums war damit perfekt :) So machten wir einen gemütlichen Ausflug in den Zoo, genossen den Blick von der Peak und legten einen Tag am Strand auf Lamma-Island ein, eine der vielen schönen Inseln um Hong Kong. Beim gemeinsamen chinesischen Abendessen, das einfach so unfassbar gut war, fragte ich mich, wie ich es nur 1 ½ Jahre ohne ausgehalten hatte… Relaxed und glücklich darüber, gegen keine der empfindlich teuren Regeln verstoßen zu haben (bezüglich Trinken in U-Bahn, Spucken in den Malls, Rauchen fast überall) nahmen wir nach drei Tagen mit der knatternden Maschine (dafür aber sehr freundliches Flugpersonal!) von Thai Airways Kurs auf die kleine, rebellische Insel im Süden Chinas, die für ein Jahr unser neues Zuhause werden sollte.

Donnerstag, 10. September 2009

Ramadam kareem – Max und Moni lost in Dubai







Da saßen wir also im schwülen Schatten auf der Treppe eines Hoteleingangs: nach einem stundenlangen Marsch durch Dubai bei 46 Grad, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit – durchschwitzt, völlig fertig und planlos. Während Max auf der Karte versuchte herauszufinden, wo wir uns gerade genau befanden, fiel mein Kopf zur Seite und ich in den Tiefschlaf.
Was hatte uns eigentlich hierher geführt? Und was wollten wir hier überhaupt? Wir wussten es beide nicht so genau in diesem Moment, aber wir wussten es wohl, als wir vor einigen Monaten unseren Flug nach Taipei buchten. Ein Jahr Leben und Studieren in Taiwans Hauptstadt lag vor uns (also vor mir und noch einigen anderen Kommilitonen des Sinologischen Instituts in Heidelberg, unter anderem auch Max) und auf dem Weg dorthin wollten wir nicht nur einen Zwischenstopp im „duftenden Hafen“ Hong Kong einlegen, sondern auch ein bisschen orientalisches Flair aus Dubai mitnehmen. Wenn man schon mal in der Gegend ist… So informierten wir uns über Dubai und seine Gepflogenheiten während unseres Fluges mittels des kleinen, interaktiven Fernsehers in der Sessellehne vor uns und wollten unseren 22-stündigen Aufenthalt in der Wüstenstadt sonst locker angehen. Laut der Infos erschien uns Dubai wie eine Stadt der Superlative voller reicher Ausländer und Scheichs.
Wir kamen wohlbehalten durch die Passkontrolle und der Feueralarm ging los. Von einer freundlichen Lautsprecherdurchsage wurden wir aufgefordert, das Gebäude umgehend zu verlassen. Da dies aber keiner tat, entspannten auch wir uns und steuerten auf die Touristeninformation zu. Dort erfuhren wir, dass aufgrund von Ramadan keine Rundfahrten vor Sonnenuntergang stattfinden würden (wir hatten 5 Uhr morgens). „Stimmung Is-la(h)m“ wie der Mainzer sagen würde… Unsere Entdeckerlust wurde dadurch jedoch nicht gedämpft und so fuhren wir mit dem Taxi downtown, um Dubai zu Fuß zu erkundigen. Eine schwachsinnige Idee in einer Stadt, in der sogar die Bushaltestellen klimatisiert sind, aber eine interessante Erfahrung. Dubai erschien uns aus dem kühlen Taxi in seinem sandigen Nebeldunst noch wie ein unwirklicher Traum aus Tausend und eine Nacht. Leere Straßen, geschlossene Läden (Ramadan…) und flirrende Hitze empfingen uns in der Innenstadt. Einige wenige Menschen waren auf der Straße zu sehen: arabische Männer (die meisten schliefen), ein paar versprengte Asiatinnen und Max und Moni, schweißüberströmt und orientierungslos. Nach einem vierstündigen Spaziergang erschien uns Dubai eher wie die fiese Qittung dafür, dass wir uns nicht angemessen auf unseren Zwischenstopp vorbeireitet hatten. Wir schleppten uns von einer klimatisierten Bushaltestelle zur nächsten klimatisierten Tankstelle, bis uns schließlich, nach meiner kleinen Siesta auf der Treppe, eine Oase in Form eines McDonalds erschien. „Juchu!“, dachten wir, „Unsere Erlösung!“ Doch es war eine Fatahmorgana… Wir gaben eine Großbestellung auf und ich wollte mich gerade setzen, als ich freundlich darauf hingewiesen wurde, dass ich mein Essen nicht im Restaurant verzehren dürfe: Ramadan. Ich solle mich für die Verspeisung meines Ceasarsalads in meine privaten Gemächer zurückziehen, die wir in Dubai natürlich nicht besaßen. Nachdem wir in unserer Verzweiflung bereits erwogen hatten, unser Mittagessen auf dem Klo einzunehmen, fuhren wir doch zurück zum Flughafen, wo wir ein intimes Plätzchen hinter einer Stellwand fanden. Dort genoss Max seinen Burger und Moni, eigentlich ja immer penibelst darauf bedacht, die Sitten und Bräuche des Landes einzuhalten, kaute mit schlechtem Gewissen auf ihren Salatblättern herum.
Nach Sonnenuntergang starteten wir auf ein Neues und machten uns auf zu einem Einkaufszentrum, von wo aus Nachttouren durch Dubai starten sollten. Dort angekommen stellten wir fest, dass wir den Start der letzten Rundfahrt um eine Viertelstunde verpasst hatten. Vielleicht die Rache Allahs, wegen Essen am helllichten Tag bei Ramadan (und dann auch noch bei McDonalds…), wer weiß.
Jedenfalls entschieden wir uns dafür, die einmalige Stimmung im Einkaufszentrum zu genießen: edle Scheichs in weißen Gewändern, die mit würdevoller Haltung und stolzen Gesichtszügen durch die Gänge schritten, begleitet von ihren verschleierten, aber dennoch todschicken Frauen, den materialistischen Freuden Dubais frönend. Wie prüde ist der Islam wirklich? überlegte ich mir, als ich einen der Scheichs mit seiner Begleitung, die trotz Schleicher mehr Sexappeal ausstrahlte, als so manch westliche Frau im Minirock, in einem Dessousgeschäft verschwand. Bevor ich eine Antwort auf meine Frage finden konnte, wurde ich von dem Gebetsruf aus meinen Gedanken gerissen. In den Malls ebenso wie am Flughafen gibt es Gebetsräume, in den Schaufenstern findet man neben der neusten Technik die angesagtesten Schleiermoden. KFC und McDonalds bekunden auf Plakaten und mit geänderten Öffnungszeiten ihre Achtung des Ramadans. Mitten in der Wüste kann man hier Schlittschuhlaufen oder mit Haien schwimmen. Dubais Faszination macht gerade dieser sanfte Zusammenprall von arabischer Welt und westlicher Modernität mit einer guten Portion Dekadenz aus und dennoch blieb mir diese Stadt in den 22 Stunden, in denen ich sie erlebt habe, seltsam leer zurück. Mir fehlte das Treiben auf den Straßen, ein eigener Geruch jenseits der Parfümgeschäfte der Einkaufszentren und irgendwie… waren es mir zu wenige Asiaten ;) Mit anderen Worten: ich war bereit für Hong Kong als wir zu dritt (nun auch mit Carmen, auch eine Kommilitonin aus Heidelberg, auch unterwegs nach Taiwan) in den Flieger weiter gen Osten stiegen.