Freitag, 23. April 2010

Das Wandern ist des Moni Müller-Karpes Lust

Es ist NICHT die Schweiz. Aber mindestens genauso schön!



Wolkenmeer bei Sonnenaufgang



Auf dem Gipfel des Hehuanshan angekommen





Taroko-Schlucht



Das Meer




„Armer Papa!“ dachte ich, als ich mit dröhnendem Kopf und rasendem Herzen auf dem 3422 Meter hohen Gipfel des Hehuanshan ankam. So musste er sich also gefühlt haben, als er in Lhasa den Potala erklommen hatte. Mit meinen gefrorenen Fingern versuchte ich etwas Nüsse aus der Tüte zu frimeln, um mich für das Lächeln auf dem anstehenden Gruppenfoto zu stärken.
Neugierde, Spontanität und etwas blauäugige Abenteuerlust hatten mich dazu verleitet, mit einer Gruppe taiwanesischer Physikstudenten sowie dem wanderlustigen Tobi und Kati (die beide auch Sinologie studieren und mit denen ich zusammen den Sprachkurs an der Uni besuche) eine Wandertour ins Zentralgebirge Taiwans zu machen. Trotz fürsorglicher Vorbereitung unserer taiwanischen Freunde war uns nicht ganz klar, worauf wir uns da einließen, als wir für drei Tage Bergsteigen zusagten. Bereits bei unserer Hinfahrt blickte ich in einen Abgrund nach dem nächsten und mir wurde unmittelbar klar, dass dies genau der richtige Zeitpunkt sein würde um festzustellen, dass ich keine Höhenangst mehr habe. Glücklich über diese Erkenntnis versuchte ich (erfolgreich) mein Mittagessen in mir zu behalten als wir durch die scharfen Kurven der Serpentinen gurkten. Fröhlich singend kamen wir schließlich auf ca. 3000 Meter Höhe an, um den ersten Gipfel zu besteigen. Schon beim Aussteigen überkam mich dieses seltsame Gefühl einer lustigen Leichtigkeit, die ich schon mal gespürt hatte, als ich mich damals auf den Gipfel den Emeishans in Westchina hatte hochfahren (!) lassen. Nun lag ein dreistündiger Fußmarsch vor uns und ich merkte bei jedem Schritt aufwärts, wie mir die Höhe zu schaffen machte. Doch die Aussicht und das gute Wetter entschädigte für alles: klare Sicht auf eine malerisch schöne Landschaft! Glücklich und stolz, den ersten Tag überstanden zu haben, bauten wir bei eisiger Kälte unser Nachlager auf einem Parkplatz auf. Während ich mit kurzfristiger Übelkeit kämpfte und sich einer unserer Mitstreiter hinterm Zelt übergab, bewunderte ich unsere Anführerin Xiaolu: sie hatte nicht nur uns verplante Ausländer und die lustigen Jungs im Griff, sie entpuppte sich auch als eine fantastische Köchin. Aber gutes Essen ist hier auf Taiwan ist nun einmal wichtig und deswegen wird gekocht, egal ob einem die Nase dabei gefriert oder es in Strömen schüttet. Letzteres trat erst am nächsten Abend ein und so genossen wir mit vollem Magen den atemberaubend schönsten Sternenhimmel, den wir je in unserem Leben gesehen hatten. Nach einer geruhsamen Nacht ging es am nächsten Morgen um 3 Uhr weiter auf einen Gipfel, um von dort aus den Sonnenaufgang zu erleben. Japsend mit meinem Backpack auf dem Rücken fragte ich mich zum wiederholten Mal, wem ich mit dieser Wandertortur eigentlich etwas beweisen wollte. Und wieder entlohnte die Aussicht für den Schweiß, der mir den Nacken hinunter rann und das Zittern meiner Muskeln. Die Sonne ging auf und strahlte orangefarben auf ein Meer von Wolken. Ein Bild und ein Moment, der eigentlich viel zu schön war, um wahr zu sein. Ich genoss den Ausblick und atmete tief ein und aus, etwas, für das ich beim Hochkraxeln nur bedingt Zeit fand. Schnell ging es auch schon weiter auf den Gipfel. Wieder Augenblicke des Verzweifelns, wieder das Gefühl von Stolz und Erfüllung, als wir schließlich oben ankamen. Doch Katis und mein Ehrgeiz waren an diesem Punkt erschöpft. Wir entschieden uns, nicht mit unserer Gruppe weiterzuwandern, sondern zu unserem Fahrer zurück zu laufen. Alleine waren wir auf unserem Rückweg trotzdem nicht. Typisch für viele Taiwaner ist ihr allgemein außergewöhnlich freundliches, höfliches Interesse an Ausländern und so kraxelten wir fröhlich smalltalkend über Gott und die Welt mit einem Herren mittleren Alters den Berg wieder hinunter und grüßten dabei alles und jeden, der uns begegnete. Unten angekommen wurden wir von unserem Fahrer bekocht und genossen den Rest des Tages liegend in der Sonne. Abends trafen wir unsere Mitstreiter wieder; weil es regnete bauten wir unsere Zelte in einer Tankstelle auf. Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus durch die Tarokoschlucht, eine der Attraktionen Taiwans. Sie entstand durch einen Fluß, der sich durch das mehrere hundert Meter hohe, bewaldete Gebirge schlängelt, in das eine Straße geschlagen wurde. Das Abenteuerpotential dieses Ausfluges deutete sich immer wieder durch Baustellen an, welche permanent die Schäden von Taifun und Erdbeben beseitigen. Trotzdem natürlich wieder alles atemberaubend schön!
Bei Dunkelheit kamen wir abends wieder in Taipeh an. Das Flimmern der Leuchtreklame blendete meine Augen, der zarte Duft der Autoabgase wehte mir um die Nase und so schön es auch gewesen war in der Wildnis, ich sah mich in meinem Leben als Stadtmensch vollkommen bestätigt ;)

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