Mittwoch, 19. Mai 2010

Warten auf Megumis Antwort – japanische Eindrücke aus dem Chinesischunterricht

Zwei Welten treffen aufeinander - Megumi und Moni



Chinesisch für die Lachmuskeln



Yutaro und Megumi



Schüchtern schlägt sie die großen, braunen Augen nieder. Reißt sie wieder auf, sagt ganz leise und zart „ähhhh“, „ooooooh“ und „eiiiiiiii“. Lacht und hält sich dabei kokett die Hand vor den Mund. Und schweigt. Wir warten. Und warten. Gespannt. Nach einer Minute haucht sie die Antwort dahin, engelhaft und mit einer Anmut, die mich immer wieder fasziniert in ihren Bann zieht. Sie flüstert: „Bananenmilch“ und lächelt dabei so beschämt, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt. Megumi ist meine japanische Mitschülerin. Unsere Chinesischlehrerin hatte sie gefragt, was sie denn in Taiwan am liebsten esse oder trinke. Im Schnitt warten wir immer ein bis zwei Minuten auf Megumis Antwort. Unsere Lehrerin hat sich mittlerweile daran gewöhnt und nimmt in der Zwischenzeit andere dran, bis sich Megumi bereit fühlt zu antworten, falls sie das überhaupt tut. Manchmal lächelt sie einfach nur und lächelt und lächelt und schweigt. Überhaupt hat meine Chinesischklasse eine ganz eigene Dynamik: drei Deutsche, ein Franzose, ein Spanier, ein Schwede, zwei Japaner sowie Megumi und ich. Bei so vielen Jungs landen wir, trotz der verzweifelten Ausrufe der Lehrerin („Ihr seid zu pervers!“), immer wieder beim gleichen Thema. Ich finde das bisweilen auch recht anstrengend, aber immerhin kenne ich mich jetzt aus mit der japanischen Sexindustrie (von gebrauchten Unterhosenverkauf im Internet bis Hintergrabschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, was wohl gerade sehr in Mode ist) sowie Aufklärungsmethoden („Pornos!“) und lache eigentlich jeden Tag Tränen, wenn die Jungs loslegen. Vor allem der Franzose und die Japaner sind eine brisante Mischung… Letztlich besprachen wir „Gleichberechtigung von Männern und Frauen“ im Unterricht, wobei auch Japan thematisiert wurde. Tendenziell sind in Taiwan japanische Männer als schlagende Chauvinisten verschrien, was sie denn dazu meinen würden, fragte die Lehrerin unsere beiden Japaner. Ja, sie fänden das ja auch nicht gut wie sich ihre Großväter von ihrer Großmüttern bedienen lassen würden, aber die Anforderungen im Arbeitsalltag seien eben ziemlich hoch, so hätte sich das mit der Rollenverteilung entwickelt. Sie möchten später aber eher eine Karrierefrau als Ehefrau, meinten Yuichi und Yutaro. Yuichi ist permanent damit beschäftigt, unsere immer schlagfertigere Lehrerin anzuflirten und auch mit mir war er bereits essen und Obsteinkaufen, wo er mich der Verkäuferin gleich mal dreisterweise als seine Freundin vorgestellt hat. Yuichi hat jede Menge Freundinnen, für jeden Wochentag eine andere, verkündete er letztlich im Unterricht. Von wegen schüchtern und zurückhaltend! Ob er denn Frauen wie Megumi im Umgang nicht etwas anstrengend fände, gerade was das Warten auf Antworten anbelange, fragte ich ihn. Nein, das sei kein Problem, solange eine Frau hübsch sei, meinte Yuichi. Und schön ist Megumi auf jeden Fall. Immer wieder bin ich überwältigt von ihrer Feinheit, ihrer Grazie, ihrer Eleganz. Sie ist das komplette Gegenkonzept zu mir: während ich immer munter drauf losplappere, verfällt Megumi in ihr geheimnisvoll, andächtiges Schweigen, bevor sie Fragen wie „Was hast du gestern gemacht?“ erwidert (meistens geschlafen oder Zimmer geputzt). Bei ihr zu Hause sei es nicht üblich, eine eigene Meinung zu haben, beim Essen schweigt die ganze Familie und in der Schule höre man dem Lehrer zu, erzählte sie. Früher hätte ich mich wahrscheinlich über so etwas sehr aufgeregt und hätte es sehr schlimm gefunden, aber hier finde ich solche Aussagen einfach nur hoch interessant und horizonterweiternd. Denn trotz unserer unterschiedlichen Erziehungen und kultureller Hintergründe, haben Megumi und ich auch Gemeinsamkeiten entdeckt. Zum Beispiel mögen wir beide rosafarbene Sachen und Hello Kitty. Ich arbeite weiter daran, sie näher kennenzulernen, aber in der Regel enden unsere Unterhaltungen damit, dass wir uns beide nur bezaubert voneinander anschauen und lächeln, obwohl wir eigentlich beide neugierig sind auf die Welt der jeweils anderen.

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