Freundschaft geht durch den Magen - Lesley beim Essen
Taiwanische Mohnschnecke
Eine Welt ohne stinkenden Tofu wäre keine gute Welt
Ein besonderer Moment in ihrem Leben: Hanna isst zum ersten Mal stinkenden Tofu
Den kleinen, dicken Panda bitte nicht füttern!
„Ni hao!“ (你好! Guten Tag) gehört zu den wenigen Brocken Chinesisch, die eigentlich fast jeder Ausländer kennt. Und die auch nur Ausländer sagen bzw. zu Ausländern gesagt werden, denn auf Taiwan begrüßt man sich nicht mit „Guten Tag, wie geht`s?“, sondern Sätzen wie „Hast du schon gegessen?“, wenn man ohnehin schon zum Essen verabredet ist mit „Nudeln oder Reis?“ oder „Was möchtest du essen?“ oder eben „Hast du abgenommen?“. In diesen Begrüßungsformeln spiegelt sich ein Paradoxon der taiwanischen Gesellschaft wider, das mich vor allem die ersten Monate hier beschäftigte.
Essen ist unglaublich wichtig. Es ist nicht nur Smalltalkthema Nummer 1. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich schon von meinem Lieblingsessen erzählen durfte (Stinkender Tofu und alles, was mit Mohn zu tun hat) und wie viele Male ich erklärt habe, dass wir in Deutschland NICHT jeden Tag Würstchen und Schweinshaxe essen, ich tatsächlich noch nie in meinem ganzen Leben Schweinshaxe gegessen habe und ja, dass deutsche Würstchen salziger schmecken als die taiwanischen, die eher süß sind. Gemeinsam Essengehen ist auch einer der sozialen Grundpfeiler, auf denen man Beziehungen aufbaut und pflegt. Meine erste taiwanische Freundin Lesley habe ich dadurch kennengelernt, dass wir uns jeden Tag getroffen haben und sie mich durch sämtliche taiwanische Spezialitäten gefüttert hat, während wir uns über Gott und die Welt unterhalten haben. Essen ist hier allgegenwärtig: an jeder Straßenecke gibt es 小吃 (xiao chi), kleine Essensstände, im Radio und im Fernsehen wird das Thema rauf und runter diskutiert, ja sogar in den Nachrichten werden Restaurants vorgestellt. Alles asiatische Essen schmeckt ohnehin göttlich gut, aber auch westlich kann man hier sehr gut essen gehen. Auf den Nachtmärkten geht es ebenfalls um kaum etwas anderes, täglich bekommt man kleine Essensgeschenke und schaufelt beim gemeinsamen Essen dem Essenspartner liebevoll das Schälchen voll. Der Satz in Deutschland esse man, um zu arbeiten, in China und auf Taiwan hingegen arbeitet man, um zu essen, fasst die hiesige Leidenschaft zur Nahrungsaufnahme am besten zusammen. Doch so gerne man hier isst, desto weniger sollte man es tun, denn: ebenso wichtig wie Essen ist auch Abnehmen beziehungsweise dünn sein. Körperstaturen, die in Deutschland mit Besorgnis beäugt und „magersüchtig“ kommentiert werden, bekommen hier ein anerkennendes „Wow, bist du schön dünn!“. Gehe ich mit westlichen Jungs essen, werde ich immer wieder nachdrücklich zum Essen aufgefordert, kritisch bis genervt beäugt, wenn ich sage, ich sei auf Diät und bekomme dann enthusiastisch erklärt, wie wichtig weibliche Rundungen seien. Der aufmerksame taiwanische Mann, der es durchaus gut meint, wird möglicherweise bei der gemeinsamen Verabredung freundlich betonen, dass ich wirklich nicht essen müsse, wenn ich nicht möchte und bietet mir Kräcker mit dem Kommentar an „Davon kannst du ruhig essen, davon wirst du nicht dick“. Hätte er mich nicht darauf hingewiesen, wäre ich so schnell gar nicht darauf gekommen, dass ich bei jedem Bissen zunehme. Sage ich, dass ich auf Diät bin, lächelt er verständnisvoll. Und fragt unter Umständen nach meinem Gewicht und Diätplan. Warum tut er das? Weil er weiß, dass auf Taiwan irgendwie alle auf Diät sind, vor allem die Frauen. Nicht nur die Werbung sorgt dafür, sondern Eltern haben einen mahnenden Blick auf das Gewicht ihrer Kinder, Freundinnen untereinander ohnehin („Hast du abgenommen oder versteckst du nur dein Fett?“) und der Freund möchte natürlich auch nicht, dass seine Freundin ein kleines Dickerchen ist. Auch ich werde immer mal wieder mit „Hast du abgenommen?“ begrüßt (eine durchaus gängige Begrüßungsformel hier) und habe nicht nur eine Frau erlebt, die ihr Abendessen in zwei Richtungen genießt. Denn oft geht es nicht um ein sportliches Schlanksein (Muskeln gelten tendenziell als unweiblich), sondern tatsächlich um einen Haut- und Knochenstyle. Warum nehmen so viele Frauen auf Taiwan ab? fragte ich meine Tandempartnerin Wanzi. Weil sie auf der Suche nach einem Freund sind, meinte diese, ohne mit der Wimper zu zucken. Aha, und die stehen da also drauf? Ja, natürlich müsse die Freundin dünn sein, lautet die Antwort vieler Herren hier und nur manche geben mit verschämtem Blick zu, dass sie ja eigentlich Frauen mit ein bisschen Fleisch auf den Knochen mögen. Oder merken seufzend an, dass die Frauen fälschlicherweise annehmen, sie stünden nur auf dünne Frauen und erwecken dabei den Eindruck, dass sie bereits aufgegeben haben darüber zu diskutieren, weil ihnen ohnehin keiner zuzuhören scheint. Doch auch bei den Jungs ist muskulös sportlich nicht unbedingt angesagt, ein gemütlicher, kleiner Bierbauch ohnehin nicht. Sie möge auch eher dünne Männer, meinte Wanzi und sprach damit laut Hörensagen so einigen Taiwanerinnen aus dem Herzen. Warum das so ist, bietet sicher viel Stoff für psychologisch, sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten. In Japan und Korea lassen sich wohl ähnliche Tendenzen beobachten, auf dem Festland habe ich eher drallere Frauenfiguren gesehen.
Die ersten Monate hat mir dieses Thema bisweilen meinen sonst sehr begeisterten Eindruck von Taiwan und seinen Menschen etwas betrübt. Auf der einen Seite überall das beste Essen überhaupt, die netten Essenseinladungen sowie das liebevolle Füttern unter Freunden. Auf der anderen Seite jeden Tag Aufzug fahren mit super schlanken Taiwanerinnen, die sich darüber unterhalten, wie fett sie doch seien und kritisch ihre imaginären Fettpölsterchen im Spiegel begutachten, Sprüche über Dick- und Dünnsein beim Smalltalk, ein zu ehrgeiziger Diätplan eines taiwanischen Bekannten... Doch mittlerweile sehe ich die Angelegenheit mit Humor, freue mich über dralle Taiwanerinnen, die frechen Typen, die sie „Dickerchen“ nennen, einfach den Mittelfinger zeigen und stelle immer wieder fest, dass auch hier, wie eigentlich überall auf der Welt, die Anzahl der Kilos auf den Rippen nur einer von ganz vielen Aspekten ist, nach welchen man einen Menschen beurteilt und vor allem gern hat und tatsächlich wirklich nicht unbedingt einer der wichtigsten. Und genieße weiterhin jeden Bissen von der traumhaft leckeren taiwanischen Küche!
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